Einführung

Das Judasohr ist ein auch bei uns heimischer Pilz, der in 2 nahe miteinander verwandten Arten vorkommt, die als Auricularia auricularia judea und Auricularia polytricha bezeichnet werden. Äußerlich sind sie nur schwer zu unterscheiden und werde nauch im Handel praktisch immer synonym verwendet.
Eine exakte Artbestimmung ist durch mikroskopische Merkmale möglich. 
Beispielsweise sind die winzigen Härchen auf der Oberseite der Pilze bei A. polytricha mit 450 mikrometer etwa 4 mal so lang wie bei A. auricularia judea.
Auch bezüglich vorhandener Schnallen zwischen den Pilzzellen unterscheiden sich beide Arten offenbar. Darüber hinaus gibt es Angaben, nach denen
A. polytricha fleischiger ist als sein Verwandter, der kleiner und dünner sein soll.
Allerdings beobachtet Stamets (2000), dass die Luftfeuchtigkeit einen Einfluß auf die Erscheinungsform und die mikroskopischen Unterscheidungsmerkmale
der Pilze hat.

Medizinische Verwendung

Bereits 1679 erwähnt Adamus Lonicerus in seinem Kräuterbuch das Judasohr. Er beschreibt : "Hollunderschwämme löschen und truckennieder allerlei Hitze und Geschwulst, zuvor in Rosenwasser oder Wein gewicht und überlegt."
Der wissenschaftliche Nachweis medizinischer Wirkungen bei allen Naturheilmitteln der Erfahrungsmedizin ist schwierig. Es dauert meist lange bis der Wissenschaft statistisch gesicherte Ergebnisse vorliegen. Im Folgenden möchten Wir sowohl einen Überblick über altbewährte Anwendungsempfehlungen des Judasohres als auch neuere Untersuchungen geben,
Das Judasohr wirkt allgemein vitalisierend, immunstimulierend und durchblutungsfördernd. Gerne verwendete man den Pilz früher gegen Hämorrhoiden und bei Blutungen der Gebärmutter. außerdem zur Blutstillung bei inneren und äußeren Blutungen, obwohl diese Anwendung eigentlich im Widerspruch zu seiner blutgerinnungshemmenden Wirkung steht, die auch wissenschaftlich nachgewiesen ist. Äußerlich behandelte man mit einer Paste aus Wasser und den getrockneten und pulverisierten Fruchtkörpern Geschwüre und schlecht heilende Wunden. Heute wird der Pilz als Zutat in kosmetischen Hautpräparaten verwendet. Wegen seiner entzündungshemmenden und entspannenden Wirkung eignet sich der Pilz nicht nur zur Behandlung von Hämorrhoiden, sondern diese erklärt auch seinen Einsatz bei Entzündungen des Dickdarms, der Augen und im Hals und Rachenbereich. Bei letzteren ist auch ein hustenreizlindernter Effekt des Pilzes günstig, den Wasser & Wise 1999 in klinischen Studien nachweisen konnten. 
Nach Recherchen von Zsigmond (2005) wurde das Judasohr in der ungarischen Volksmedizin zur Behandlung von Augenerkrankungen eingesetzt. Hierzu wurden in warmen Wasser eingeweichte Pilze auf die Augen gelegt. In der Gegend von Szombathely wurde eine Pulvermischung aus Judasohr & Glänzendem Lackporling zur Behandlung von Tumoren empfohlen. 
In den 1970er Jahren wiesen 2 deutsche Wissenschaftler (Christ & Kesselring) eine starke blutgerinnungshemmende Wirkung des Pilzextraktes ähnlich der des Aspirins nach. Durch die Gerinnungshemmung verbessern sich die Fließeigenschaften des Blutes. Die Durchblutung und damit die Sauerstoffversorgung der kleinsten Kapillargefäße steigen wieder auf normale Werte an. Die genannten Eigenschaften prädestinieren den Pilz für einen Einsatz gegen Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und zur Vorbeugung von Thrombosen (Blutgerinnseln). Vorteilhaft dabei ist auch seine gute Magenverträglichkeit. Im Verbund mit seiner antioxidativen Wirkung verbessert der Pilz die Herzfunktion (Wu et al. 2010). Die kontinuirliche Einnahmen des getrockneten Pilz beeinflusst noch zwei weitere wichtige Ursache nfür Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie wirkt cholesterinsenkend, was auch im Tierversuch bestätigt werden konnte, und senkt den Blutdruck. Von besonderer Bedeutung für die Senkung des Cholesterinspiegels ist die Tatsache, das insbesondere das als schädlich angesehene LDL-Cholesterin gesenkt wird und das gefäßschützende HDL-Cholesterin unbeeinflusst bleibt. Dies macht das Judasohr zu einem wirkungsvollen Naturheilmittel zur Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen. 
Die genannten Effekte sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen und wissenschaftlicher Publikationen. 
Eine weitere Erkrankung, die durch eine Mangeldurchblutung gekennzeichnet ist, ist die sogenannte "Schaufensterkrankheit". Sie äußert sich durch starke Schmerzen, die schon bei geringer Anwendung auftreten und den Betroffenen dazu zwingen, bereits nach kurzen Gehstrecken immer wieder stehen zu bleiben.
Dieser Erkrankung kann durch die Einnahme des Pilzes vorbeugt werden, bzw. die Symptome gelindert werden. Da die dafür verantwortlichen Inhaltsstoffe die Gefäßwände nicht beeinträchtigen, ist die Anwendung in dieser Hinsicht frei von Nebenwirkungen. Es gibt Untersuchungen (Yuan et al. 1998), nach denen wasserlösliche Polysaccaride aus dem Oilz eine Wirkung bei nicht-insulinabhängigem Blutzucker (Diabetes Typ 2) hervorrufen. Diabetes Typ 2 wurde früher auch als Altersdiabetes bezeichnet, tritt mittlerweile aber fast epidemieartig auch bei anderen Altersgruppen, oft im Verbung mit dem metabolischen Syndrom auf. In den meisten Fällen kommt es in Folge Übergewichts, mangelnder Bewegung und entsprechender genetischer Disposition zu einer Insulinresistenz. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies auszugleichen und produziert immer größere Mengen Insulin. Über die Jahre kommt es zu einer zunehmenden Erschöpfung der Bauchspeicheldrüse. 
Auf zellulärer Ebene führt dies zu einem Absterben der insulinproduzierenden Zellen und in dessen folge steigt der Blutzuckerspiegel. Im Anfangsstadium kann dieser Erkrankung wirkungsvoll durch eine Umstellung des Lebensstils begegnet werden. Hilfreich sind außerdem sMaßnahmen, die die Insulinwirkung verbessern und die Aufnahme der Kohlenhydrate aus dem Magen ins Blut verzögern. Vermutlich beeinflusst das Judasohr die Insulinresistenz. Außerdem schützt es die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und wirkt regulierenden auf deren Enzymproduktion. In der Leber unterstützt es die Regulation der Glykogenproduktion, dessen Speicherung und Abbau von Zuckermoleküle. Glykogen ist ein verzweigtes Polysaccarid, das als kurz- und mittelfristiger Speicher dient. Das Judasohr steigert die Aktivität des Enzyms Superoxidismutase (SOD) im Gehirn und in der Leber und schützt dadurch die Organe vor den schädlichen Auswirkungen von freien Radikalen. In die gleiche 
Richtung weisen Untersuchungen von Archaya et al. (2004) und Zhang et al. (2011), die sich mit den antioxidativen Eigenschaften des Pilzes beschäftigten.
Außerdem konnte gezeigt werden, dass der Pilz die Produktion von gefäßerweiterndem Stickoxid (NO) signifikant steigert.
Im Tierversuche konnte nach der Verabreichung der wasserlöslichen Beta-D-Glucane eine Hemmwirkung bei dem besonders aggresiven Bindegewebstumor
(Sarkom 180) festgestellt werden (Kio et al. 1991). Nach der TCM ist das Wirkungsspektrum abhängig von der Baumart, auf der der Pilz wächst. Die TCM spricht ihm allgemein eine kräftigende und krankheitsabwehrende Wirkung auf Körper und Geist zu. Sie verwendet ihn auch als Rekovaleszenz nach Kranheiten und zur allgemeinen Kräftigung nach der Geburt. Insbesondere bei Thrombosen und Entzündungen der Venen nach der Geburt wurde bereits früher das Judasohr eingesetzt. Traditionell nutzte man den Pilz auch in Milch oder Wein gekocht zur Behandlung von Entzündungen im Hals und Rachenbereich.
Möglicherweise geht diese Anwendung auf die Signaturen Lehre zurück. Die aderigen Fruchtkörper ähneln mit etwas Phantasie Strukturen im Mundraum.
Im Zusammenhang mit seiner durchblutungsfördernden Wirkung haben auch Schilderungen zu einem positiven Einfluss bei Enge- und Taubheitsgefühlen durchaus Berechtigung.
Außerdem kommt der Pilz bei Bauch- und Zahnschmerzen zum Einsatz.
Die TCM setzt den Pilz bei Bluthochdruck und Arteriosklerose ein. Auch bei Magenverstimmungen, Muskelkrämpfen und Hexenschuß werden dem Judasohr gute Dienste zugesprochen. In Teilen Irlands nutzte man den in Milch eingekochten Pilz traditionell zur Behandlung von Gelbsucht. Zhou et al. berichteten 1989, das der Pilz antimutagene Eigenschaften besitzt und sich günstig auf die Behandlung von Hepatitis und alterbedingten Erkrankungen auswirkt. Im Herzmuskel soll der Pilz den Anteil des Alterspigments Lipufuscin  vermindern (Ling et al. 1987). Es gibt auch Berichte nach denen die gebratenen und mit Zucker bestreuten Pilze bei Zwischenblutungen eingesetzt wurden.
Die Anwendung des Pilzes kann durch Zubereitung eines Tees erfolgen.
Dazu werden 5-10g der getrockneten Fruchtkörper in etwa 250ml Wasser gekocht, die entstandene Flüßigkeit wird mit Zucker oder Honig gesüßt und 2 mal täglich getrunken. Selbstverständlich ist auch der Verzehr des Pilzes oder Pilzpulvers als Bestandteil von Suppen oder sonstigen Gerichten wirksam und vorbeugend. Wer Probleme mit dem Geschmack oder Konsistenz des Judasohr und ihn trotzdem regelmäßig in der empfohlenen Menge zur Vorbeugung und Behandlung einnehmen möchte, der kann den pulverisierten Extrakt des Pilzes auch in Kapselform einnehmen. In der TCM sind darüber hinaus auch spezielle Rezepturen in Kombination mit anderen Heilpflanzen gebräuchlich.
Um an die Pilze zu gelangen muss heute keiner mehr auf Wildsammlungen zurückgreifen. Getrocknete Pilze & Pilzpräparate mit hoher Inhaltsstoffdichte stehen ganzjährig und kostengünstig im Fachhandel zur Verfügung.
Zur Vorsicht traten wir all denjenigen, die auf Verordnung ihre Artztes blutverdünnende Mittel (Aspirin, Marcumar etc.) einnehmen. Deren Effekte werden möglicherweise verstärkt, was zu lebensgefährlichen innerlichen Blutungen führen kann. Von bedeutung ist eine verringerte Blutgerinnung,
auch bei chirurgischen Eingriffen. Bei empfindlichen Personen wurde vereinzelt die Beobachtung gemacht, dass es einige Tage des Verzehrs des Pilzes durch den gerinnungshemmenden Effekt zu kleinen Einblutungen im Gesicht kam.
Hammerschmidt (1980) beschrieb diese Erscheinung unter dem Namen "Szechwan Purpur". Möglicherweise bedarf es hierfür einer genetischen Disposition. Einige Quellen postulieren, das nur Auricularia polytricha blutgerinnungshemmende Eigenschaften besitzt. Es wäre eine interessante Aufgabe für die Wissenschaft, diesen Sachverhalt exakt zu klären. Möglicherweise würde dies auch teilweise widersprüchliche Anwendungen erklären. Das Judasohr wird bezüglich seiner Inhaltsstoffe und Anwendungen seit etlichen Jahren insbesondere in Asien intensiv beforscht.
Quelle : Jürgen Guthmann, aus dem Buch : Heilende Pilze